Der Holzfäller

„Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten, denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich, das ist das Leben!

Charlie Chaplin

Ja, aber…, das geht doch nicht! Ich kann doch nicht einfach…

Und du hast recht: Du kannst nicht einfach deine Kinder ignorieren, die von der Schule erzählen oder deine Mutter heute ohne Essen sitzen lassen. Du kannst auch nicht die Wohnung in dem Zustand lassen, in dem du sie heute nach der Arbeit vorgefunden hast. Du kannst auch nicht den Einkauf stehen lassen, den du auf dem Weg nach hause eben noch mit erledigt hast. Du kannst nicht deiner Freundin sagen, dass du heute zu müde bist für den Mädelsabend, den ihr schon so lange geplant hattet. Zumal du lieber mit deinem Mann einen kuscheligen Abend auf der Couch verbringen würdest.

All das ist dir wichtig und um all das möchtest du dich kümmern. Doch was glaubst du, was passiert, wenn du immer mit Höchstgeschwindigkeit durch dein Leben flitzt?

Kennst du die Geschichte vom Holzfäller?

Es war einmal ein Holzfäller, der bei einer Holzgesellschaft um Arbeit vorsprach. Das Gehalt war in Ordnung, die Arbeitsbedingungen verlockend, also wollte der Holzfäller einen guten Eindruck hinterlassen.

Am ersten Tag meldete er sich beim Vorarbeiter, der ihm eine Axt gab und ihm einen bestimmten Bereich im Wald zuwies. Begeistert machte sich der Holzfäller an die Arbeit. An einem einzigen Tag fällte er achtzehn Bäume.

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte der Vorarbeiter. „Weiter so.“ Angestachelt von den Worten des Vorarbeiters, beschloss der Holzfäller, am nächsten Tag das Ergebnis seiner Arbeit noch zu übertreffen. Also legte er sich in dieser Nacht früh ins Bett.

Am nächsten Morgen stand er vor allen anderen auf und ging in den Wald. Trotz aller Anstrengung gelang es ihm aber nicht, mehr als fünfzehn Bäume zu fällen. „Ich muss müde sein“, dachte er. Und beschloss, an diesem Tag gleich nach Sonnenuntergang schlafen zu gehen.

Im Morgengrauen erwachte er mit dem Entschluss, heute seine Marke von achtzehn Bäumen zu übertreffen. Er schaffte nicht einmal die Hälfte.

Am nächsten Tag waren es nur sieben Bäume, und am übernächsten fünf, seinen letzten Tag verbrachte er fast vollständig damit, einen zweiten Baum zu fällen. In Sorge darüber, was wohl der Vorarbeiter dazu sagen würde, trat der Holzfäller vor ihn hin, erzählte, was passiert war, und schwor Stein und Bein, dass er geschuftet hatte bis zum Umfallen.

Der Vorarbeiter fragte ihn: „Wann hast du denn deine Axt das letzte Mal geschärft?“ „Die Axt schärfen? Dazu hatte ich keine Zeit, ich war zu sehr damit beschäftigt, Bäume zu fällen.“

Aus „Komm ich erzähl dir eine Geschichte“ von Jorge Bucay, Dezember 2008 / Fischer-Taschenbuch

Es geht nicht darum, das „Handtuch“ zu werfen und alles, was dir wichtig ist, hinter dir zu lassen. Es geht um kleine Auszeiten, die dir helfen, wieder aufzutanken. Einmal Fünf gerade sein lassen.

Denk einmal an unsere Ausgangssituation: Die Kinder…, die Mutter…, die Wohnung…, die Freundin…

Was könntest DU anders machen?